So entkräftigst du 7 böse Sätze, die deine Kreativität ausbremsen

Tai Chi Karikatur

Helmuts Tai Chi Lehrer hat ihm gesagt, dass er abnehmen muss und total ungelenkig sei. Erst war Helmut völlig niedergeschmettert. Er hatte sich doch zu dem Kurs angemeldet, um sich was Gutes zu tun! Dann hat er gedacht: Scheiss drauf! Jetzt genießt er seine Übungen nachts im Park. Und ist glücklich.

Liebe Leser,

hinter den Kulissen meines Blogs habe ich schon von einigen stillen Lesern gehört, dass sie ja auch gern mal beim Kreativen Freitag mitmachen würden, aber sie können leider nicht zeichnen. Sie sind eben nicht kreativ. Sie können sowas ja nicht. Außerdem sind die anderen Beiträge ja so gut, da sieht man dann ja doof aus, wenn man auch mal versucht, was zu malen … Ganz ehrlich? Wenn ich solche traurigen Äußerungen höre, möchte ich diese Menschen am liebsten einfach mal auf den Schoß nehmen, um sie zu trösten, und dann die Reset-Taste suchen. Denn jeder, wirklich jeder Mensch ist ein schöpferisches Wesen und könnte vor Kreativität sprudeln, wenn da diese bösen, alten Programmierungen nicht wären, die wir jetzt einfach mal gemeinsam aufdecken!

Viele Menschen widersprechen automatisch, wenn ich sage, dass jeder kreativ auf die Welt kommt. „Du vielleicht, ich ganz bestimmt nicht!“ Aber die Frage, was Kreativität eigentlich ist, stellen sich nur wenige, und wenn, dann sind es meistens Psychologen, die von Konzernen beauftragt werden, um herauszufinden, wie man kreative Mitarbeiter „herstellen“ kann. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dann in „Psychologensprech“ übersetzt und darüber zu lesen ist so schwammig und langweilig, dass das Thema niemanden mehr interessiert – also so gar nicht kreativ.

Versuchen wir es also bei Wikipedia. „Kreativität ist allgemein die Fähigkeit, etwas vorher nicht da gewesenes, orginelles und beständiges Neues zu kreieren.“ Aha, und was bedeutet kreieren? Da muss ich jetzt lachen, denn der Duden klärt mich auf, dass „kreieren“ in der katholischen Kirche bedeutet, einen neuen Kardinal zu ernennen. Das ist witzig. „Hier, Kollege, zieh mal die rote Kutte an und setz den lustigen Hut auf!“Hm. Ich möchte natürlich keinem gläubigen Katholiken zu nahe treten, aber der Vatikan ist ja nicht unbedingt als Trendsetter bekannt, also schauen wir uns besser woanders nach Kreativität um. Mehr Aufschluss gibt uns der lateinische Ursprung des Wortes, denn kreieren bedeutet nichts anderes, als etwas zu erschaffen. In dem Moment, wo wir uns ein feines Butterbrot schmieren und mit Cocktailtomaten und einem Gürkchen ein Gesicht drauf setzen, sind wir schon kreativ. Denn damit erschaffen wir etwas neues und buntes, um mehr Freude in den Alltag zu bringen.

Wenn Kreativität so einfach ist, warum fällt sie dann gleichzeitig so schwer? Oder – um es deutlicher zu sagen – wieso fällt es uns so schwer, die eigene Kreativität zu erkennen und zu würdigen? Wieso sind wir so gehemmt darin, uns kreativ auszudrücken und uns damit dann auch noch zu zeigen? Weil wir alle mehr oder weniger oft negative Programmierungen gehört haben, die uns die Freude am Kreieren verdorben haben. Schauen wir uns jetzt die häufigsten Programmierungen einfach mal an!

Satz Nr.1: Du bist einfach nicht begabt!

Den Satz haben viele Menschen so oft gehört, dass sie ihn schon selbst nachplappern. „Ich bin ja völlig talentfrei, haha!“ Der Versuch, es mit Humor zu nehmen, ist natürlich schon mal ein Anfang, um Verletzungen von sich fern zu halten. Effektiver ist es aber, dich zu fragen, wer dir das überhaupt eingeredet hat, und warum. Es gibt Menschen, die ihre eigene Kreativität als etwas negatives und beängstigendes unterdrücken – denn wo kämen wir hin, wenn jeder hier fröhlich pfeifend ein Bild malt oder über die Straße tanzt. Da würde ja das Chaos ausbrechen! Diese Menschen äußern sich automatisch auch negativ über deine Kreativität.

Menschen, die selbst einen guten Kontakt zu ihrer eigenen Kreativität haben, würden dich niemals mit einer pauschalen Diagnose als unbegabt abtun. Wer seine eigene Kreativität liebt, entdeckt sie immer auch im Tun anderer und weiß Ideen neidlos zu würdigen. Und wer technisch schon versierter ist als du, kann dir konstruktive Kritik geben und dich damit helfend unterstützen, falls du deine Fähigkeiten verbessern willst. Aber wer dich schlecht macht und dein Selbstvertrauen knickt, hat den Ball auf seiner Seite des Spielfeldes, und da soll er auch bleiben! Umgib dich dann lieber mit Menschen, die selbst gern kreativ sind und dich mitziehen – zum Beispiel mit mir und den zauberhaft lebensklugen Lesern meines Blogs! 😉

Satz Nr.2: Du bist ja so begabt!

Hä? Wird die Frau Groka jetzt tüdelig? Gerade eben hat sie doch noch gesagt … Ich weiß, der erste und der zweite Satz klingen wie ein Widerspruch in sich. Lass mich das erklären. Viele Eltern wollen das Selbstvertrauen ihrer Kinder stärken und ihre Talente fördern. Wenn sie dabei allerdings über das Ziel hinaus schießen, nehmen sie ihrem Kind die Chance, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln. Gerade viele Hochbegabte fallen an dem Punkt in eine tiefe Pfütze aus Frustration und Selbstzweifeln, wo sie merken: „Hey, ich habe ein Niveau erreicht, an dem mir nicht mehr alles zufliegt, ich muss mich hinsetzen und arbeiten, aber wie geht das?“ Blindwütiges Loben kann also Druck aufbauen und zu Frustration führen und die Kreativität ebenso hemmen wie ständige negative Kritiken.

Wenn du selbst Kinder hast, versuchst du sicher, die Mitte zu finden, wenn du ihre Talente stärken willst. Ich selbst habe da viel von meiner jüngeren Tochter gelernt, die ebenfalls mit Begeisterung zeichnet und es liebt, bei mir im Atelier zu sitzen und zu arbeiten. Und wie viele (junge) Künstler ist sie hochsensibel und reagiert natürlich empfindlich auf Kritik. Trotzdem unterstütze ich sie nicht, indem ich jede ihrer Zeichnungen lobe, ohne hinzusehen. Ich unterstütze sie, indem ich sie ernst nehme. Das tue ich zum Beispiel, indem ich ihr das Vertrauen entgegen bringe, mein heiliges und sauteures Material zu benutzen und ihr die Anleitungen organisiere, nach denen sie gerne arbeiten möchte. Und ich helfe ihr, ihre eigenen „Fehler“ zu akzeptieren, indem ich meine eigenen akzeptiere und sie um Rat frage, wenn mir ein Bild einfach nicht gelingt. Denn vier Augen sehen immer mehr als zwei. Dann darf ich sie auch mal vorsichtig darauf hinweisen, wenn bei einem ihrer Portraits ein Schattenwurf nicht stimmig ist! 😉

Was dir das jetzt bringt, wenn du selbst keine Kinder hast? Ganz einfach: Der Künstler in dir ist dein inneres Kind oder: Die Kreativität wohnt im Kinderzimmer der Seele! Wer da nie hin geht und sich mit Wachsmalern auf den Teppich setzt, malt dann eben auch seelenlose Bilder. Da kann die Technik noch so brillant sein. Und das bringt uns jetzt auf den dritten bösen Satz:

Satz Nr.3: Du hast das doch nicht gelernt, dir fehlt die Technik!

Besser kann man das Pferd gar nicht von hinten aufzäumen! Wenn du perfekt malen und zeichnen kannst, darfst du anfangen, kreativ zu sein? Das ist, als würde man sagen: Erst, wenn du richtig Fahrrad fahren kannst, darfst du dich mal draufsetzen und eine Runde fahren! Hä? Wie bitte soll das funktionieren?

Kreativität fängt IMMER in dir selbst an. Dafür brauchst du kein Material, keine Technik, kein Zertifikat. Alles, was du brauchst, sind Mut, Witz und Lust, es zu tun. Wie du deine Idee dann in die Wirklichkeit holst und sichtbar machst, ist Teil deiner Kreativität. Du kannst nicht malen wie Leonardo da Vinci oder van Gogh? Dann verrate ich dir ein wichtiges Geheimnis: Die können auch nicht so malen wie du! DEIN Bild kannst nur DU malen! Aber du kannst wirklich nur Strichmännchen? Wunderbar, du kannst deine Strichmännchen!

Und noch ein wichtiges Geheimnis: Ich weiß, es ist wirklich, und damit meine ich wirklich wirklich, schwer, den eigenen Perfektionsanspruch aufzugeben. Perfektionismus hat allerdings einen riesigen Haken: Je besser du in etwas wirst, umso höher wird dein Anspruch an dich selbst. Wenn du deinen Perfektionismus ans Ruder lässt, machst du dich selbst zu dem Esel, der der Möhre an der Angel hinterher läuft. Wenn du aber etwas einfach nur tust, weil es dich begeistert und du dich so herrlich dabei entspannen kannst, lernst du immer neue Techniken, ohne überhaupt zu merken, dass du gerade lernst!

Satz Nr.4: Kreativität liegt in den Genen, nur nicht in deinen!

Rrrrra! Dieser Satz regt mich so auf, das ich es kurz und schmerzlos mache: Bullshit! Jeder Mensch ist kreativ. Jeder. Sonst wäre unsere Spezies nämlich längst ausgestorben.

Satz Nr.5: „Aber mein Kunstlehrer hat damals gesagt … „

Diese Programmierung wollen wir mal ganz schnell überschreiben! Denn was dir wahrscheinlich noch nie jemand verraten hat: Unser Schulsystem und Kreativität sind ein einziger Widerspruch. Sinn der öffentlichen Schulbildung ist, dass alle die Chance haben, das gleiche zu lernen. Wo alle das gleiche lernen müssen, ist aber kaum Raum für kreative und individuelle Entfaltung. Auch für Kunst gibt es Lehrpläne und wenn du nun mal gerade einen Linolschnitt anfertigen musst, obwohl du doch viel lieber bei lauter Musik dein Motiv mit Händen und Füßen auf eine große Leinwand schmieren würdest, musst du dich eben hinsetzen und mit dieser brettharten scheiß Linolplatte und stumpfen Messern kämpfen, um das Ergebnis dann benoten zu lassen. Und dementspechend „unfrei“ sieht deine Arbeit dann auch aus.

Es gibt sicher viele engagierte Lehrer, die versuchen, den Lehrplan mit Leben zu füllen und ihren Schülern Freiheiten zu lassen. Aber auch diese Lehrer müssen die Technik bewerten – nicht die Idee. Es gibt aber auch Kunstlehrer, die mit Eifersucht auf die Ideen, die Fantasie oder sogar die Technik ihrer Schüler zu kämpfen haben. Ich hatte so ein Erlebnis, als wir Modezeichnungen als Hausaufgaben anfertigen sollten. Das fiel mir spätabends ein, nachdem ich mich bereits durch einen dicken Berg mit anderen Hausaufgaben durchgearbeitet hatte. Ich hatte echt keine Lust mehr, warf eben schnell ein paar Skizzen aus der freien Hand hin, damit ich irgendetwas habe, was ich abgeben kann, und ging ins Bett.

Am nächsten Tag explodierte meiner Kunstlehrerin der Kopf. Stinkwütend bekam sie einen sehenswerten Anfall und teilte mir dann kurz und knapp mit, dass ich für diesen Betrugsversuch jetzt eine 6 bekomme, die Zeichnungen könnten ja nie im Leben von mir sein. Nur, weil meine Mitschüler sich für mich ins Zeug legten und bestätigten, dass ich ständig solche Kritzeleien hinlege und ich mich hinsetzte und gleich die nächste Zeichnung machte, um mich gegen diesen ungerechten Vorwurf zu wehren, bekam ich dann eine „Gnadenvier“. Heute schlackere ich mit den Ohren, wenn ich an diese Geschichte denke. Ich kann es inzwischen sogar als pervertiertes Kompliment sehen.

Aber damals war ich jung, verletzlich und beeinflussbar und habe aus der schlechten Note nur die Botschaft mitgenommen, dass ich schlecht in Kunst bin. Also: Vergiss, was dein Kunstlehrer gesagt hat. Du hast keine Ahnung, gegen welche Dämonen er gekämpft hat, als er dich verrissen hat, aber mit dir hatte das wahrscheinlich wenig zu tun. Lehrer sind eben auch nur Menschen.

Satz Nr.6: Kunst ist nichts für vernünftige Menschen, mach doch was Anständiges!

Ja, dieser Satz verbirgt ein spannendes Thema. Wenn ein Künstler im Geld schwimmt, durch die Talkshows gereicht wird und es drauf hat, seine Allüren zu kultivieren, erstarren wir in Ehrfurcht. Oh, das ist der Herr Sowieso, der da, mit dem Künstlerhut und dem wehenden Schal! Ich gehe jede Wette ein, dass das Styling und Marketing eines Künstlers größeren Einfluss auf seine Preise haben als seine Arbeit selbst. So, wie Schriftsteller im schwarzen Rollkragenpullover eher als intellektuelle Autorität wahrgenommen werden und Ärzte im weißen Kittel Koryphäen sind.

Und jetzt kommst du. Wenn du malst, hast du so viel Spaß und Leidenschaft, am liebsten würdest du das den ganzen Tag machen! Du bist so völlig du selbst, wenn der Pinsel geschmeidig über die Leinwand gleitet, wenn du bis zu den Ohren mit buntem Pastellstaub bedeckt bist, wenn du so vertieft in deine Arbeit bist, dass du den Aquarellpinsel in deine Kaffeetasse tunkst, statt ins Pinselwasser, und dann auch noch verzückt feststellst, dass Kaffee auf Aquarellpapier total interessante Effekte erzielen kann!

Aber du willst Künstler werden? Und wovon willst du leben? Glaubst du, für das Gekleckse bezahlt dir jemand was? Und etwas, was nicht bezahlt wird, ist verschwendete Lebenszeit. Und überhaupt. Wo kommen wir denn hin, wenn du Spaß hast, dafür ist das Leben schließlich nicht da! Mach doch lieber erstmal die Banklehre, dann kannst du immer noch … blabla. Bla.

Satz Nr.7: Pah, du willst dich wohl selbst verwirklichen?!

Auf diese vernichtende Bremse stoßen seltsamerweise oft Frauen, und zwar immer dann, wenn sie auf die unverschämte Idee kommen, jetzt einfach mal nicht für alle anderen die Wäsche zu waschen, das Essen zu kochen, mit dem Hund raus zu gehen und im Business noch besser zu sein als jeder Mann. Diese Bremse ist besonders böse, weil sich dahinter ganz andere Fragen verbergen. Nämlich: „Und wer macht dann meine Wäsche?“/“Ja, wie, soll ich dann etwa mit dem Hund rausgehen? Guck doch mal: Es regnet!“ Oder auch: „Wie jetzt, und wer scheibt dann für mich meine Berichte? Der Chef wartet doch drauf!“ Dieser böse siebte Satz trifft dich unbewusst mit einem ganz bösen Vorwurf: Du Egoist!

Wer dich für deinen Wunsch nach Selbstverwirklichung verspottet, hat mindestens eine von zwei Ängsten. Entweder, er hat Angst, dich als (kostenlose) Arbeitskraft zu verlieren und sich fortan um seine eigenen Angelegenheiten selbst kümmern zu müssen. Oder er – in dem Fall auch oft sie – lebt selbst in dem traurigen Gefühl, immer nur für andere da sein zu müssen und missgönnt dir einfach die Freude. Mütter und Schwiegermütter können das besonders gut.

Du kannst dem spöttischen Vorwurf seine ganze Schärfe nehmen, indem du dich fragst, welches Bedürfnis wirklich dahinter steckt, und wie du es befriedigen kannst oder ob du das überhaupt möchtest. Vielleicht hat deine Schwiegermutter ja gar nichts mehr gegen deine künstlerischen Anwandlungen, wenn du sie einfach mal auf eine deiner Motiv-Entdeckungstouren mitnimmst und sie sich selbst den frischen Wind der Kreativität um die Nase wehen lässt?

Jippieh! Kann ich jetzt endlich anfangen zu malen?

Yes, you can! Schmeiß deine Bremsen im Kopf in den Sondermüll für Psychoabfälle und leg einfach los! Du kannst schmieren, kleckern, kritzeln, skizzieren, pinseln, kneten, fotografieren, basteln und sogar dabei summen! Und wir freuen uns riesig, wenn du die Ergebnisse deiner Kreativität mit uns teilst!

Was denn, du hast noch mehr Bremsen im Kopf? Dann berichte uns davon in den Kommentaren und teile uns auch mit, wie du deine ganz persönlichen Kreativitätsbremsen überlistest!

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