Wenn deine Kreativität mal wieder bockig ist: Zeig ihr, wo es lang geht!

Acrylbild Elisa Groka Cartoon, Kamel, Wüste

Das Kamel auf dem Bild ist störrisch und der kleine dicke Kalif zieht dran – kurz: Der Streik

Kennst du das auch? Du hast den Kopf voller Ideen, die du unbedingt mal umsetzen willst. Eigentlich möchtest du schon lange den alten Schrank mit einem tollen Anstrich aufpeppen, die Gitarre mal wieder auspacken und üben oder ein farbenfrohes Bild für den tristen Flur malen. Eigentlich. Aber da ist dieses böse Wort. Eigentlich …

Manche von uns wollen schon seit zwanzig Jahren ihren Roman schreiben, reden aber schon gar nicht mehr darüber, weil die Frage „Was macht denn dein Roman, schreibst du noch?“ jedes Jahr unangenehmer klingt. Andere kaufen sich immer wieder diese wunderschönen Malsets in edlen Holzkoffern und verstauen sie dann nach einer halben Skizze verschämt unten im Schrank – bei den anderen Malsets. Wir würden unsere Ideen ja so gern mal umsetzen, tun es aber dann irgendwie doch nicht. Und jedes Mal, wenn wir etwas nicht tun, wird die Hürde größer, endlich Ideen in die Tat umzusetzen. Dabei liegt es sicher nicht an mangelnder Kreativität. Aber woran dann?

Herr Doktor, meine Kreativität klemmt!

Es ist einfach, alles auf angeblich mangelnde Kreativität zu schieben, wenn wir einfach nicht aus dem Quark kommen und lieber am Fernseher rumschalten oder Solitär spielen, anstatt aktiv zu werden und selbst etwas zu erschaffen. Und ja, man kann es sicher auch auf „natürliche“ Trägheit schieben. Das Leben ist schon stressig genug, da muss man sich nicht auch noch damit unter Druck setzen, dass man kreativ werden sollte …

Grundsätzlich sind Pause, Entspannung und Muße immer gut, bin ich sofort dabei. Das Problem ist nur: Wir entspannen uns ja gar nicht, wenn wir unsere Ideen nicht rauslassen, wir lenken uns nur ab! Wir daddeln uns die Rübe dicht mit hektischen Pixeln, wir klicken endlos irgendwelche Links durch, um Nachrichten zu lesen, die uns gar nicht interessieren und die ganz Harten unter uns kommen auch auf so Ideen, wie die Geschirrtücher zu bügeln, um nicht an den Malkoffer im Schrank denken zu müssen.

Aber all das ist keine Entspannung! Kreativität dagegen ist Entspannung, und zwar aktive Entspannung, meiner Erfahrung nach die beste Sorte, die man haben kann. Denn wir Menschen sind eben so gemacht, dass wir gern etwas zu tun haben wollen, aber etwas sinnvolles, etwas schönes. Wir wollen entdecken, ausprobieren, tüfteln, erfinden, erschaffen, neue Kompetenzen entdecken und entwickeln, um nicht hinter unserem Potenzial zurück zu bleiben.

Wenn wir diesen Urtrieb nicht hätten, würden wir heute noch bibbernd und mit knurrendem Magen in Höhlen sitzen und frustriert darüber nachgrübeln, wie grandios es wäre, wenn wir Feuer selber machen könnten. Aber, ach, geht ja nicht, nee, ist zu schwierig, irgendwie ist mir auch zu kalt, um es rauszufinden, ich bleib besser mal hier sitzen. Schade, dass ich armer Höhlenmensch kein Facebook hab, das würde mich jetzt so schön ablenken …

Haben wir ein Glück, dass unsere kreativen Vorgänger die Feuersteine und das vielleicht noch unausgegorene eirige Rad nicht zu den Malkästen in den Schrank geräumt haben! Stattdessen haben sie ihrer Kreativität freien Lauf gelassen bis zum glücklichen Flow und dabei ganz nebenbei immer neue, tolle Dinge erschaffen. Wenn du selbst diesen Flow schon einmal (oder sogar öfter) erlebt hast, weißt du, worum es bei deiner Kreativität geht: Völliges bei dir selbst sein und aktiv entspannen. Einfach machen. Ganz aufgehen in einer Sache. Es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl. Aber wieso ist es verdammt nochmal so schwierig, damit anzufangen?

Die bösen Gegenspieler: Perfektionismus, Prokrastination und Günther

Unsere aktive Kreativität wird von drei übergewichtigen, haarigen Monstern in Schach gehalten. Da ist zum Beispiel dieser fiese Perfektionismus. Wenn du ihn im Verdacht hast, ein Kreativitätshemmer zu sein, frag dich einfach, ob du vielleicht deinen Roman nicht schreibst oder deine Bilder nicht malst, weil du immer wieder denkst „Es gibt ja schon unzählige großartige Bücher, die viel besser sind als alles, was ich je schreiben könnte!“ oder „So gut wie meine Vorbilder werde ich sowieso nie malen können … „. Kehren wir die Frage jetzt mal um. Wenn alle Kulturschaffenden, die uns ihre Werke geschenkt haben, nie angefangen hätten, weil es ja immer schon einen gab, der besser war, wo wären wir dann jetzt?

Wenn Chopin gar nicht erst ans Klavier gegangen wäre, weil Franz Liszt der begnadetste Pianist seiner Generation war, wäre ihm und uns einiges entgangen. Franz war schneller an den Tasten, hatte vielleicht die bessere Technik und erwiesenermaßen eine größere Spannweite, er hatte nur einen Haken: Er war nicht Chopin. Du verstehst, was ich meine? Deine ganz persönliche Kreativität kannst nur du erschaffen. Also versuche, dich nicht zu vergleichen oder perfekt zu sein. Schon gar nicht „perfekter“ als andere. Spätestens hier beißt die Schlange sich selbst in den Schwanz und zeigt uns, was Selbstsabotage heißt!

Der zweite böse Gegenspieler ist die Prokrastination, auch „Aufschieberitis“ genannt. Dabei handelt es sich um eine „Erledigungsblockade“, die uns dazu bringt, immer wieder alles auf später zu verschieben. Es ist aber damit nicht vergessen, sondern eben verschoben, was bedeutet, dass es immer und immer und immer in unserem Bewusstsein rumklötert und scheppert und stört und uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Wir verbringen viel weniger Zeit damit, Dinge zu bereuen, die wir tatsächlich getan haben, als damit, Dinge zu bereuen, die wir nicht getan haben. Der böse Widerhaken der Prokrastination besteht darin, dass sie uns bei jeder aufgeschobenen Sache noch eine Schüppe auf die Sondermüllhalde der Psyche packt: Looooser! Du machst aber auch nie irgendwas fertig! Jaja, immer nur morgen, morgen, das kennt man ja von dir.

Das zerstört auf Dauer unser Selbstvertrauen und führt uns direkt zu Günther. Günther habe ich jetzt einfach mal den Teil unserer Persönlichkeit genannt, der gern unsere Bedürfnisse befriedigt. Das Bedürfnis nach sinnerfüllter Tätigkeit, nach Spaß, nach Gemeinschaft, nach Entspannung, Lebensfreude und Entfaltung. Günther ist eigentlich einer von den Guten! Aber er führt sich auf wie ein bockiges Kind! Nur, weil du ihm zehnmal versprochen hast, mit ihm einen Drachen zu bauen und zu der großen Wiese zu gehen, um ihn steigen zu lassen. Der soll sich mal nicht so anstellen. So wichtig ist das mit dem Drachen ja nicht. Es gibt schließlich genug anderes zu tun, Günther soll dich mal nicht nerven, irgendwann machen wir das schon noch. Das Spielchen treibst du so lange, bis Günther heulend in sein Zimmer rennt und die Tür zuknallt. Vorher schreit er aber noch: „Aber du hast es versprochen! Dir glaub ich NIX mehr!“ Und deine Kreativität – die nimmt er mit. Und schließt sich mit ihr ein. Und schmollt.

Kreativität ist wie ein Muskel: Je mehr du sie trainierst, umso stärker wird sie!

Spätestens, wenn Günther dir die Tür vor der Nase zuknallt, hast du es zu weit getrieben. Du willst deinen Günther wieder haben, und du kannst die dicke Luft im Streit mit dir selbst gar nicht gut aushalten! Wolltest du dich nicht eigentlich entspannen, dir was Gutes tun und kreativ werden? Stattdessen bist du unzufrieden mit dir selbst, nörgelst rum und lässt es an deinem Partner, deinen Kollegen oder einer langsamen Oma in der Kassenschlange aus. Willst du so sein? Nö.

Also! Dein kreatives Potenzial ist eine Form von Energie. So wie Wasserdampf in einer Dampflok. Wenn du sie bewusst in die richtigen Bahnen lenkst, geht sie ab wie ein Stück flutschige Seife in der Badewanne und nimmt dich mit auf eine spannende Entdeckungsreise. Wenn du sie unterdrückst und ständig auf später verschiebst, explodiert irgendwann der Kessel. Es kostet wahnsinnig viel Energie, das eigene Potenzial immer wieder zu unterdrücken, nur, weil man es vielleicht nicht perfekt zum Ausdruck bringen kann. Denn seinen Ausdruck findet es erst dadurch, dass du es tust. Und dazu brauchen wir manchmal – so doof das klingt – Selbstdisziplin.

Ja, aber … kreativ sein soll doch Spaaaaß machen! Selbstdisziplin klingt so, wie meine Lateinlehrerin aussah. Verhärmt, verbittert und zäh wie ein Minutensteak nach einer halben Stunde in der Pfanne. Aber die Disziplin ist viel besser als ihr Ruf – um genau zu sein, sie ist die Brücke, die dich rüber bringt auf die grünere Seite der Wiese, wo du vor Ideen nicht nur sprudelst, sondern auch handelst, anstatt nur zu denken.

Und so viel Disziplin musst du auch gar nicht aufbringen. Oft geht es nur um den einen einzigen Schritt, um mit etwas anzufangen, was schon lange als Plan in deinem Kopf herumkullert und schon lange endlich sein Eigenleben entwickeln will – denn das tun kreative Werke immer, sobald sie zur Welt kommen. Das Bild, das du malen wolltest, sah in deinem Kopf ganz anders aus, aber ist es nicht abenteuerlich und überraschend, wie es sich entwickelt, wenn du es wirklich malst? Und kommen dir nicht, wenn du dich endlich mal auf den Hintern setzt und wirklich schreibst, anstatt an deinem Roman nur im Kopf zu feilen, völlig neue Ideen? Wenn du mit deiner Kamera los läufst, entdeckst du dann nicht plötzlich überall einzigartige Motive, die du von deinem Sessel aus nie gesehen hättest?

Der Schritt ins kreative Tun ist oft ein ganz winziger. Stifte und Papier bereitlegen und loslegen. Aus dem Supermarkt einfach mal bunte Knete mitbringen und lustige Jahreszeitendeko modellieren. Blumen pflanzen. Reime finden auf Wörter, die du magst. Oder wann hast du das letztemal mit Kindern gespielt? Kinder sind wahre Meister der darstellenden Künste! Sie brauchen keine Kostüme und kein Reklamheft, um in Rollen zu schlüpfen und spannende Dramen aufzuführen. Sie tun es einfach, weil sie es können. Und genau so sollten wir vernünftigen Erwachsenen uns auch darin üben, wieder spontan und regelmäßig kreativ zu sein – einfach, weil wir es können.

Und je öfter wir diesen „Muskel“ gebrauchen, umso stärker wird er, umso leichter fällt es uns, in den „Flow-Modus“ zu gehen, uns selbst zu überraschen und total vom Alltag abzuschalten. Und diesen wunderbaren „kindlichen“ Zustand erreichen wir ganz einfach dadurch, dass wir uns bewusst dafür entscheiden, einfach mal anzufangen. Sobald wir den Stift in der Hand haben oder die Gitarre auf dem Schoß, kommt die Kreativität von ganz allein. Und dann kommt auch Günther irgendwann wieder aus seinem Schmollwinkel und setzt sich grinsend zu uns. Hast du schon eine spezielle Methode entwickelt, um deinen Günther anzulocken?

So entkräftigst du 7 böse Sätze, die deine Kreativität ausbremsen

Tai Chi Karikatur

Helmuts Tai Chi Lehrer hat ihm gesagt, dass er abnehmen muss und total ungelenkig sei. Erst war Helmut völlig niedergeschmettert. Er hatte sich doch zu dem Kurs angemeldet, um sich was Gutes zu tun! Dann hat er gedacht: Scheiss drauf! Jetzt genießt er seine Übungen nachts im Park. Und ist glücklich.

Liebe Leser,

hinter den Kulissen meines Blogs habe ich schon von einigen stillen Lesern gehört, dass sie ja auch gern mal beim Kreativen Freitag mitmachen würden, aber sie können leider nicht zeichnen. Sie sind eben nicht kreativ. Sie können sowas ja nicht. Außerdem sind die anderen Beiträge ja so gut, da sieht man dann ja doof aus, wenn man auch mal versucht, was zu malen … Ganz ehrlich? Wenn ich solche traurigen Äußerungen höre, möchte ich diese Menschen am liebsten einfach mal auf den Schoß nehmen, um sie zu trösten, und dann die Reset-Taste suchen. Denn jeder, wirklich jeder Mensch ist ein schöpferisches Wesen und könnte vor Kreativität sprudeln, wenn da diese bösen, alten Programmierungen nicht wären, die wir jetzt einfach mal gemeinsam aufdecken!

Viele Menschen widersprechen automatisch, wenn ich sage, dass jeder kreativ auf die Welt kommt. „Du vielleicht, ich ganz bestimmt nicht!“ Aber die Frage, was Kreativität eigentlich ist, stellen sich nur wenige, und wenn, dann sind es meistens Psychologen, die von Konzernen beauftragt werden, um herauszufinden, wie man kreative Mitarbeiter „herstellen“ kann. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dann in „Psychologensprech“ übersetzt und darüber zu lesen ist so schwammig und langweilig, dass das Thema niemanden mehr interessiert – also so gar nicht kreativ.

Versuchen wir es also bei Wikipedia. „Kreativität ist allgemein die Fähigkeit, etwas vorher nicht da gewesenes, orginelles und beständiges Neues zu kreieren.“ Aha, und was bedeutet kreieren? Da muss ich jetzt lachen, denn der Duden klärt mich auf, dass „kreieren“ in der katholischen Kirche bedeutet, einen neuen Kardinal zu ernennen. Das ist witzig. „Hier, Kollege, zieh mal die rote Kutte an und setz den lustigen Hut auf!“Hm. Ich möchte natürlich keinem gläubigen Katholiken zu nahe treten, aber der Vatikan ist ja nicht unbedingt als Trendsetter bekannt, also schauen wir uns besser woanders nach Kreativität um. Mehr Aufschluss gibt uns der lateinische Ursprung des Wortes, denn kreieren bedeutet nichts anderes, als etwas zu erschaffen. In dem Moment, wo wir uns ein feines Butterbrot schmieren und mit Cocktailtomaten und einem Gürkchen ein Gesicht drauf setzen, sind wir schon kreativ. Denn damit erschaffen wir etwas neues und buntes, um mehr Freude in den Alltag zu bringen.

Wenn Kreativität so einfach ist, warum fällt sie dann gleichzeitig so schwer? Oder – um es deutlicher zu sagen – wieso fällt es uns so schwer, die eigene Kreativität zu erkennen und zu würdigen? Wieso sind wir so gehemmt darin, uns kreativ auszudrücken und uns damit dann auch noch zu zeigen? Weil wir alle mehr oder weniger oft negative Programmierungen gehört haben, die uns die Freude am Kreieren verdorben haben. Schauen wir uns jetzt die häufigsten Programmierungen einfach mal an!

Satz Nr.1: Du bist einfach nicht begabt!

Den Satz haben viele Menschen so oft gehört, dass sie ihn schon selbst nachplappern. „Ich bin ja völlig talentfrei, haha!“ Der Versuch, es mit Humor zu nehmen, ist natürlich schon mal ein Anfang, um Verletzungen von sich fern zu halten. Effektiver ist es aber, dich zu fragen, wer dir das überhaupt eingeredet hat, und warum. Es gibt Menschen, die ihre eigene Kreativität als etwas negatives und beängstigendes unterdrücken – denn wo kämen wir hin, wenn jeder hier fröhlich pfeifend ein Bild malt oder über die Straße tanzt. Da würde ja das Chaos ausbrechen! Diese Menschen äußern sich automatisch auch negativ über deine Kreativität.

Menschen, die selbst einen guten Kontakt zu ihrer eigenen Kreativität haben, würden dich niemals mit einer pauschalen Diagnose als unbegabt abtun. Wer seine eigene Kreativität liebt, entdeckt sie immer auch im Tun anderer und weiß Ideen neidlos zu würdigen. Und wer technisch schon versierter ist als du, kann dir konstruktive Kritik geben und dich damit helfend unterstützen, falls du deine Fähigkeiten verbessern willst. Aber wer dich schlecht macht und dein Selbstvertrauen knickt, hat den Ball auf seiner Seite des Spielfeldes, und da soll er auch bleiben! Umgib dich dann lieber mit Menschen, die selbst gern kreativ sind und dich mitziehen – zum Beispiel mit mir und den zauberhaft lebensklugen Lesern meines Blogs! 😉

Satz Nr.2: Du bist ja so begabt!

Hä? Wird die Frau Groka jetzt tüdelig? Gerade eben hat sie doch noch gesagt … Ich weiß, der erste und der zweite Satz klingen wie ein Widerspruch in sich. Lass mich das erklären. Viele Eltern wollen das Selbstvertrauen ihrer Kinder stärken und ihre Talente fördern. Wenn sie dabei allerdings über das Ziel hinaus schießen, nehmen sie ihrem Kind die Chance, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln. Gerade viele Hochbegabte fallen an dem Punkt in eine tiefe Pfütze aus Frustration und Selbstzweifeln, wo sie merken: „Hey, ich habe ein Niveau erreicht, an dem mir nicht mehr alles zufliegt, ich muss mich hinsetzen und arbeiten, aber wie geht das?“ Blindwütiges Loben kann also Druck aufbauen und zu Frustration führen und die Kreativität ebenso hemmen wie ständige negative Kritiken.

Wenn du selbst Kinder hast, versuchst du sicher, die Mitte zu finden, wenn du ihre Talente stärken willst. Ich selbst habe da viel von meiner jüngeren Tochter gelernt, die ebenfalls mit Begeisterung zeichnet und es liebt, bei mir im Atelier zu sitzen und zu arbeiten. Und wie viele (junge) Künstler ist sie hochsensibel und reagiert natürlich empfindlich auf Kritik. Trotzdem unterstütze ich sie nicht, indem ich jede ihrer Zeichnungen lobe, ohne hinzusehen. Ich unterstütze sie, indem ich sie ernst nehme. Das tue ich zum Beispiel, indem ich ihr das Vertrauen entgegen bringe, mein heiliges und sauteures Material zu benutzen und ihr die Anleitungen organisiere, nach denen sie gerne arbeiten möchte. Und ich helfe ihr, ihre eigenen „Fehler“ zu akzeptieren, indem ich meine eigenen akzeptiere und sie um Rat frage, wenn mir ein Bild einfach nicht gelingt. Denn vier Augen sehen immer mehr als zwei. Dann darf ich sie auch mal vorsichtig darauf hinweisen, wenn bei einem ihrer Portraits ein Schattenwurf nicht stimmig ist! 😉

Was dir das jetzt bringt, wenn du selbst keine Kinder hast? Ganz einfach: Der Künstler in dir ist dein inneres Kind oder: Die Kreativität wohnt im Kinderzimmer der Seele! Wer da nie hin geht und sich mit Wachsmalern auf den Teppich setzt, malt dann eben auch seelenlose Bilder. Da kann die Technik noch so brillant sein. Und das bringt uns jetzt auf den dritten bösen Satz:

Satz Nr.3: Du hast das doch nicht gelernt, dir fehlt die Technik!

Besser kann man das Pferd gar nicht von hinten aufzäumen! Wenn du perfekt malen und zeichnen kannst, darfst du anfangen, kreativ zu sein? Das ist, als würde man sagen: Erst, wenn du richtig Fahrrad fahren kannst, darfst du dich mal draufsetzen und eine Runde fahren! Hä? Wie bitte soll das funktionieren?

Kreativität fängt IMMER in dir selbst an. Dafür brauchst du kein Material, keine Technik, kein Zertifikat. Alles, was du brauchst, sind Mut, Witz und Lust, es zu tun. Wie du deine Idee dann in die Wirklichkeit holst und sichtbar machst, ist Teil deiner Kreativität. Du kannst nicht malen wie Leonardo da Vinci oder van Gogh? Dann verrate ich dir ein wichtiges Geheimnis: Die können auch nicht so malen wie du! DEIN Bild kannst nur DU malen! Aber du kannst wirklich nur Strichmännchen? Wunderbar, du kannst deine Strichmännchen!

Und noch ein wichtiges Geheimnis: Ich weiß, es ist wirklich, und damit meine ich wirklich wirklich, schwer, den eigenen Perfektionsanspruch aufzugeben. Perfektionismus hat allerdings einen riesigen Haken: Je besser du in etwas wirst, umso höher wird dein Anspruch an dich selbst. Wenn du deinen Perfektionismus ans Ruder lässt, machst du dich selbst zu dem Esel, der der Möhre an der Angel hinterher läuft. Wenn du aber etwas einfach nur tust, weil es dich begeistert und du dich so herrlich dabei entspannen kannst, lernst du immer neue Techniken, ohne überhaupt zu merken, dass du gerade lernst!

Satz Nr.4: Kreativität liegt in den Genen, nur nicht in deinen!

Rrrrra! Dieser Satz regt mich so auf, das ich es kurz und schmerzlos mache: Bullshit! Jeder Mensch ist kreativ. Jeder. Sonst wäre unsere Spezies nämlich längst ausgestorben.

Satz Nr.5: „Aber mein Kunstlehrer hat damals gesagt … „

Diese Programmierung wollen wir mal ganz schnell überschreiben! Denn was dir wahrscheinlich noch nie jemand verraten hat: Unser Schulsystem und Kreativität sind ein einziger Widerspruch. Sinn der öffentlichen Schulbildung ist, dass alle die Chance haben, das gleiche zu lernen. Wo alle das gleiche lernen müssen, ist aber kaum Raum für kreative und individuelle Entfaltung. Auch für Kunst gibt es Lehrpläne und wenn du nun mal gerade einen Linolschnitt anfertigen musst, obwohl du doch viel lieber bei lauter Musik dein Motiv mit Händen und Füßen auf eine große Leinwand schmieren würdest, musst du dich eben hinsetzen und mit dieser brettharten scheiß Linolplatte und stumpfen Messern kämpfen, um das Ergebnis dann benoten zu lassen. Und dementspechend „unfrei“ sieht deine Arbeit dann auch aus.

Es gibt sicher viele engagierte Lehrer, die versuchen, den Lehrplan mit Leben zu füllen und ihren Schülern Freiheiten zu lassen. Aber auch diese Lehrer müssen die Technik bewerten – nicht die Idee. Es gibt aber auch Kunstlehrer, die mit Eifersucht auf die Ideen, die Fantasie oder sogar die Technik ihrer Schüler zu kämpfen haben. Ich hatte so ein Erlebnis, als wir Modezeichnungen als Hausaufgaben anfertigen sollten. Das fiel mir spätabends ein, nachdem ich mich bereits durch einen dicken Berg mit anderen Hausaufgaben durchgearbeitet hatte. Ich hatte echt keine Lust mehr, warf eben schnell ein paar Skizzen aus der freien Hand hin, damit ich irgendetwas habe, was ich abgeben kann, und ging ins Bett.

Am nächsten Tag explodierte meiner Kunstlehrerin der Kopf. Stinkwütend bekam sie einen sehenswerten Anfall und teilte mir dann kurz und knapp mit, dass ich für diesen Betrugsversuch jetzt eine 6 bekomme, die Zeichnungen könnten ja nie im Leben von mir sein. Nur, weil meine Mitschüler sich für mich ins Zeug legten und bestätigten, dass ich ständig solche Kritzeleien hinlege und ich mich hinsetzte und gleich die nächste Zeichnung machte, um mich gegen diesen ungerechten Vorwurf zu wehren, bekam ich dann eine „Gnadenvier“. Heute schlackere ich mit den Ohren, wenn ich an diese Geschichte denke. Ich kann es inzwischen sogar als pervertiertes Kompliment sehen.

Aber damals war ich jung, verletzlich und beeinflussbar und habe aus der schlechten Note nur die Botschaft mitgenommen, dass ich schlecht in Kunst bin. Also: Vergiss, was dein Kunstlehrer gesagt hat. Du hast keine Ahnung, gegen welche Dämonen er gekämpft hat, als er dich verrissen hat, aber mit dir hatte das wahrscheinlich wenig zu tun. Lehrer sind eben auch nur Menschen.

Satz Nr.6: Kunst ist nichts für vernünftige Menschen, mach doch was Anständiges!

Ja, dieser Satz verbirgt ein spannendes Thema. Wenn ein Künstler im Geld schwimmt, durch die Talkshows gereicht wird und es drauf hat, seine Allüren zu kultivieren, erstarren wir in Ehrfurcht. Oh, das ist der Herr Sowieso, der da, mit dem Künstlerhut und dem wehenden Schal! Ich gehe jede Wette ein, dass das Styling und Marketing eines Künstlers größeren Einfluss auf seine Preise haben als seine Arbeit selbst. So, wie Schriftsteller im schwarzen Rollkragenpullover eher als intellektuelle Autorität wahrgenommen werden und Ärzte im weißen Kittel Koryphäen sind.

Und jetzt kommst du. Wenn du malst, hast du so viel Spaß und Leidenschaft, am liebsten würdest du das den ganzen Tag machen! Du bist so völlig du selbst, wenn der Pinsel geschmeidig über die Leinwand gleitet, wenn du bis zu den Ohren mit buntem Pastellstaub bedeckt bist, wenn du so vertieft in deine Arbeit bist, dass du den Aquarellpinsel in deine Kaffeetasse tunkst, statt ins Pinselwasser, und dann auch noch verzückt feststellst, dass Kaffee auf Aquarellpapier total interessante Effekte erzielen kann!

Aber du willst Künstler werden? Und wovon willst du leben? Glaubst du, für das Gekleckse bezahlt dir jemand was? Und etwas, was nicht bezahlt wird, ist verschwendete Lebenszeit. Und überhaupt. Wo kommen wir denn hin, wenn du Spaß hast, dafür ist das Leben schließlich nicht da! Mach doch lieber erstmal die Banklehre, dann kannst du immer noch … blabla. Bla.

Satz Nr.7: Pah, du willst dich wohl selbst verwirklichen?!

Auf diese vernichtende Bremse stoßen seltsamerweise oft Frauen, und zwar immer dann, wenn sie auf die unverschämte Idee kommen, jetzt einfach mal nicht für alle anderen die Wäsche zu waschen, das Essen zu kochen, mit dem Hund raus zu gehen und im Business noch besser zu sein als jeder Mann. Diese Bremse ist besonders böse, weil sich dahinter ganz andere Fragen verbergen. Nämlich: „Und wer macht dann meine Wäsche?“/“Ja, wie, soll ich dann etwa mit dem Hund rausgehen? Guck doch mal: Es regnet!“ Oder auch: „Wie jetzt, und wer scheibt dann für mich meine Berichte? Der Chef wartet doch drauf!“ Dieser böse siebte Satz trifft dich unbewusst mit einem ganz bösen Vorwurf: Du Egoist!

Wer dich für deinen Wunsch nach Selbstverwirklichung verspottet, hat mindestens eine von zwei Ängsten. Entweder, er hat Angst, dich als (kostenlose) Arbeitskraft zu verlieren und sich fortan um seine eigenen Angelegenheiten selbst kümmern zu müssen. Oder er – in dem Fall auch oft sie – lebt selbst in dem traurigen Gefühl, immer nur für andere da sein zu müssen und missgönnt dir einfach die Freude. Mütter und Schwiegermütter können das besonders gut.

Du kannst dem spöttischen Vorwurf seine ganze Schärfe nehmen, indem du dich fragst, welches Bedürfnis wirklich dahinter steckt, und wie du es befriedigen kannst oder ob du das überhaupt möchtest. Vielleicht hat deine Schwiegermutter ja gar nichts mehr gegen deine künstlerischen Anwandlungen, wenn du sie einfach mal auf eine deiner Motiv-Entdeckungstouren mitnimmst und sie sich selbst den frischen Wind der Kreativität um die Nase wehen lässt?

Jippieh! Kann ich jetzt endlich anfangen zu malen?

Yes, you can! Schmeiß deine Bremsen im Kopf in den Sondermüll für Psychoabfälle und leg einfach los! Du kannst schmieren, kleckern, kritzeln, skizzieren, pinseln, kneten, fotografieren, basteln und sogar dabei summen! Und wir freuen uns riesig, wenn du die Ergebnisse deiner Kreativität mit uns teilst!

Was denn, du hast noch mehr Bremsen im Kopf? Dann berichte uns davon in den Kommentaren und teile uns auch mit, wie du deine ganz persönlichen Kreativitätsbremsen überlistest!